Peine. Der Schreiber hat sich Mühe gegeben, so viel ist sicher. Akribisch führt er auf, was er in der Tiefe fand. Bei 614 Metern und 60 Zentimetern zum Beispiel: „Feinsandstein, schluffig bis stark schluffig, kalkfrei, mürbe“. Etwas weiter, bei 632,10 Metern, wird es fast schon lyrisch, „lagenweise stark grobglimmerhaltig“ sei der Stein da, „mit zahlreichen kleinen kohligen Partikeln“. Er hat all das festgehalten mit einer mechanischen Schreibmaschine, bei der das kleine A immer ein wenig zu nah an den Buchstaben heranrückt, als wolle es sich anlehnen. Eine Eigenart, ein Fehler.

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Aber der Schreiber konnte ja auch nicht ahnen, warum 60 Jahre später jemand seinen Bericht wieder zur Hand nehmen würde. Dass er helfen sollte, einen Standort für ein Atommüll-Endlager zu finden.

Jedenfalls sitzt der Geologe Sönke Reiche heute in seinem Büro im niedersächsischen Peine und zeigt diesen Bericht. Als Beispiel dafür, was seine Arbeit und die seiner Kolleginnen und Kollegen einerseits erst ermöglicht – und sie andererseits sehr, sehr aufwendig macht. 437.000 solcher Blätter haben sie in den vergangenen Jahren gescannt, durchgesehen, gelesen. Nebeneinandergelegt ergäben sie eine Strecke von Berlin nach Rostock, 233 Kilometer lang. Manche sind mehr als 100 Jahre alt. Die meisten wurden geschrieben, weil Menschen nach Öl oder Gas suchten. Jetzt müssen Reiche und sein Team sie lesen, in Diagramme übersetzen und schließlich ein dreidimensionales Modell des deutschen Untergrunds daraus formen. Alles, um einen ersten Hinweis darauf zu bekommen, wohin Deutschland mit seinem Atommüll soll.

„Gigantischer Aufwand“: Sönke Reiche, Abteilungsleiter Standortsuche bei der BGE, mit Proben der drei möglichen Wirtsgesteine Kristallingestein, Ton und Salz.

„Gigantischer Aufwand“: Sönke Reiche, Abteilungsleiter Standortsuche bei der BGE, mit Proben der drei möglichen Wirtsgesteine Kristallingestein, Ton und Salz.

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„Die Datengrundlage zu schaffen, um überhaupt erst einmal ein einigermaßen realistisches Modell des deutschen Untergrunds zu entwickeln“, sagt Reiche, „ist ein gigantischer Aufwand.“ Und den, fügt er hinzu, „hat der Gesetzgeber unterschätzt.“

So handelt dieser Bericht davon, was ein Bohrteam in den Sechzigerjahren irgendwo in Ostdeutschland tief im Boden fand. Und zugleich davon, warum schon der Anfang der Suche nach einem Standort für ein Atommüll-Endlager so mühsam ist. Und so lange dauert.

Die Schlinge zieht sich zu – ein Stück weit

In wenigen Tagen, am 4. November, werden viele in Deutschland eine unangenehme Überraschung erleben. Sie werden daran erinnert, dass hierzulande noch etwas unerledigt ist – und dass dies sie, ihre Region, betreffen könnte. An diesem Tag wird die Bundesgesellschaft für Endlagerung mit Sitz in Peine, einer 50.000-Einwohner-Stadt zwischen Hannover und Braunschweig, einen Zwischenstand veröffentlichen. In einem ersten Schritt hatte die Gesellschaft vor vier Jahren 90 sogenannte Teilgebiete ausgewiesen, in denen ein Endlager prinzipiell möglich erscheint, 54 Prozent der Fläche Deutschlands. Jetzt, am 4. November, wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diese Fläche weiter eingrenzen. Wie sehr, das verraten sie noch nicht. Klar ist nur, dass einige Regionen aufatmen werden. Andere dagegen werden aufmerken.

Dort, in den betroffenen Regionen, werden die Menschen den bisherigen Zeitplan als Beruhigung empfinden. Im Jahr 2074, so prophezeite das Freiburger Öko-Institut im August, werde die Suche nach einem Standort abgeschlossen sein. „Bei einem idealen Projektablauf“, schränkte das Institut noch ein. Da sorgte das Thema Atommüll seit Langem mal wieder für einen Schockmoment in Deutschland. 2074? Euer Ernst?, fragten da viele. Und: Was bitte dauert denn da so lange?

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Die BGE sitzt in einem Bürobau am Rand von Peine, neben einem Wohngebiet, ganz am Ende der Straße.

2400 Beschäftigte hat die BGE, eine GmbH im Bundesbesitz. Zuständig sind sie für vieles, was zu den problematischen Hinterlassenschaften der Atomkraft in Deutschland zählt: Die Asse zum Beispiel, das Skandal-Bergwerk für schwach- und mittelradioaktiven Müll, in das Wasser eingesickert ist, das Endlager Konrad, Gorleben – und die Suche nach einem Endlager für den hochradioaktiven Müll aus den Atomkraftwerken. Zur Abteilung gehören 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Deutschlands drängendstes Müllproblem lösen sollen. Die Leiterin ist Lisa Seidel, Projektingenieurin, eine dynamisch wirkende 40‑Jährige in Jeans und schwarzem Sakko. Viele hier erzählen vom Idealismus, der sie zur BGE brachte, auch sie. „Ich bin zur BGE gekommen, weil wir die Chance haben und hatten, ein sinnvolles, nötiges Projekt ganz neu zu starten, neue Denkweisen auszuprobieren, ohne viele Altlasten“, so sagt sie es.

Der undankbarste Job

Ohne diesen Idealismus geht es wohl auch nicht – denn Lisa Seidels Job dürfte zugleich zu den undankbarsten gehören, die Deutschland zu vergeben hat. Den „bestmöglichen Standort“ soll sie finden, der den Atommüll für mindestens eine Million Jahre sicher einschließt. Aber natürlich ist auch Lisa Seidel klar, was passieren wird. Mit Jubel braucht sie nicht zu rechnen. „Kritisiert werden wir am Ende, wenn ein Endlagerstandort feststeht, sowieso“, sagt sie. „Die Frage ist nur: Werden wir fachlich kritisiert, weil wir nicht den bestmöglichen Standort gefunden haben? Oder werden wir kritisiert, einfach weil es ein Ergebnis gibt?“

Im Grunde besteht ihr Job also vor allem darin, am Ende wenigstens keine fachlichen Prügel zu beziehen. Das wäre schon viel.

Auch ein Zeitplan steht schon im Gesetz. Nur dass der von heute aus fast naiv anmutet. Im Jahr 2031 sollte der Standort feststehen. Dass dies unrealisistisch war, steht schon länger fest. Frühestens 2046, erklärte die BGE. Woran das liegt, kann man in dem Bürobau am Rand von Peine gut erkennen.

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Dort sitzt Sönke Reiche und zeigt auf seinem Bildschirm einen zerlaufenen Fleck auf einer Deutschland-Karte, gespickt mit schwarzen Punkten. Reiche, 39 Jahre alt, ist mit seinem Team aus 50 Geologinnen und Geologen dafür zuständig, in der ersten Phase der Suche aus der immer noch riesigen Fläche jene Gebiete herauszufinden, die möglicherweise infrage kommen. Nur gehen sie dafür nicht raus, sondern schauen nach, was man über den deutschen Untergrund schon weiß. Der Fleck ist eines der Teilgebiete, gut zehnmal so groß wie Rügen. Jeder schwarze Punkt steht für eine Bohrung in mehr als 300 Meter Tiefe, die irgendwann irgendwer unternommen hat, mehrere Tausend sind es hier.

„Kritisiert werden wir sowieso“: Lisa Seidel, Leiterin der Standortsuche bei der Bundesgesellschaft für Endlagerung.

„Kritisiert werden wir sowieso“: Lisa Seidel, Leiterin der Standortsuche bei der Bundesgesellschaft für Endlagerung.

Nur dass das, was Firmen und Forschende dabei fanden, zumeist auf schreibmaschinenbeschriebenen Zetteln steht und in Landes-Bergbauämtern liegt, weit entfernt von jener digitalen Form, in der Reiche und sein Team sie benötigen, insgesamt 450 Regalmeter Ordner. Andere Länder hätten weit besser digital parat, wie es unter der Erde aussieht, sagt Reiche. Und dann ist jede einzelne Bohrung nur ein punktueller Blick ins Innere. Wie es zwischen den Bohrungen aussieht, wo die Schichten aus Ton, Salz oder Kristallingestein tatsächlich, wie gefordert, mehr als 100 Meter dick sind, das müssten sie hier erschließen und errechnen. „Was wir hier machen, ist sehr knifflig, weil sich diese Daten zu diesem Zweck noch nie jemand angeschaut hat“, sagt Nadine Schöner, die tatsächlich sehr fasziniert über verschiedenen Arten von Tongestein sprechen kann, das sie mit ihrer Gruppe analysiert. „Das ist schon regelrecht Detektivarbeit. Aber mit Mühe, Spaß und Leidenschaft kommen wir schon voran.“

Am 4. November also wollen Lisa Seidel und ihr Team erste Zwischenstände veröffentlichen. 2027 soll eine Liste mit konkreten Standorten feststehen, die näher untersucht werden – zunächst von über der Erde, und dann, an mindestens zwei Standorten, auch mit Erkundungsbergwerken, also unter Tage. Es ist ein gewaltiger Aufwand. Schlechtestenfalls, so hatte die BGE selbst schon prophezeit, könne das bis 2068 dauern.

Hat die Politik also die Hürden in diesem neuen Verfahren so hoch gesetzt, um die absehbaren Konflikte um einen neuen konkreten Standort möglichst hinauszuschieben? Und kann es den einen idealen Standort überhaupt geben, wo doch alle drei möglichen Gesteine, Ton, Salz und Kristallin, je eigene Vor- und Nachteile haben?

„Das Verfahren ist von Angst geprägt“

Lisa Seidel verteidigt das Verfahren, das Kriterium des „bestmöglichen“ Standorts: „Für mich ist es ein Geschenk, dass wir das im Gesetz haben. Weil es ein Mittel gegen die Willkür ist.“

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Doch die lange Suche droht längst selbst zum Sicherheitsrisiko zu werden. Solange sie läuft, steht der Müll aus deutschen Atomkraftwerken, Hunderte Castor-Behälter, in 16 Zwischenlagern – über der Erde, in schwer zu sichernden Hallen. Während Deutschland nach dem besten aller Standorte schaut, akzeptiert es mindestens für Jahrzehnte die unsichersten.

Bei der Standortsuche ist die Politik gleichsam von einem Extrem ins andere gefallen.

Klaus-Jürgen Röhlig,

Professor für Endlagersysteme an der TU Clausthal

So wird die Kritik nun immer lauter. „Bei der Standortsuche ist die Politik gleichsam von einem Extrem ins andere gefallen“, sagt Klaus-Jürgen Röhlig, Professor für Endlagersysteme an der TU Clausthal, „von einem politisch bestimmten und vehärteten Kampf um einen Standort“, also Gorleben, „zu einem übermäßig komplexen und langwierigen Prozess.“ Das ganze Verfahren jetzt sei „von der Angst geprägt, möglicherweise etwas falsch zu machen“. Darin sei es sehr bürokratisch – „und sehr deutsch“. Dabei birgt für ihn gerade die Dauer große Risiken. So könnten Deutschland künftig schlicht die Fachkräfte ausgehen, die sich überhaupt noch mit dem Thema beschäftigen. „Die eigentliche Gefahr ist“, sagt Röhlig, „dass das ganze Projekt der Standortsuche über diesen langen Zeitraum irgendwann stehen bleibt und stirbt.“

Wie es schneller gehen könnte? Finnland und Schweden zum Beispiel haben längst Standorte gefunden – weil dort, anders als in Deutschland, ohnehin praktisch nur eine Gesteinsart infrage kam und Kommunen freiwillig bereit waren, das Endlager bei sich bauen zu lassen. In der schwedischen Gemeinde Östhammar stimmten 84 Prozent der Menschen einem Endlager zu – in der Hoffnung auf Arbeitsplätze, zusätzliche Einnahmen und Unterstützung für ihren Ort.

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In Deutschland müsse die BGE den Mut haben, die Suche bald auf die fünf aussichtsreichsten Gebiete zu konzentrieren, fordert Röhlig. Wie stark sie schon Anfang November die Gebiete einschränkt, verrät Lisa Seidel, die oberste Standortsucherin, bislang nicht. Ein rasche Suche, versichert sie, sei allerdings auch in ihrem Sinn: „Ich bin jetzt 40 Jahre alt. Ich möchte dieses Projekt vor der Rente abschließen. Und ich bin auch sicher, dass das realistisch ist.“